Anna Strishkowa war als sogenanntes „Bandenkind“, ein Kind von Partisanen, die gegen die Nazis kämpften, nach Auschwitz und danach zwecks medizinischer Versuche nach Potulice (Polen) deportiert worden. Sie hatte blondes Haar, blonde Augen. Ein „arisches Aussehen“. Deswegen musste sie dort für Blutabnahmen, die für verwundete SS-Soldaten verwendet wurden, ständig zur Verfügung stehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Anna in Kiew adoptiert und wuchs behütet bei Adoptiveltern auf – ihre leiblichen Eltern waren im Partisanenkrieg ums Leben gekommen.
Kaum Erinnerung hatte sie an ihre Mutter und den Vater. Und kannte weder ihren Familiennamen noch ihren Geburtsort.

Aufgrund einer Filmaufnahme eines sowjetischen Propagandafilms, in der Anna als Kleinkind mit ihrer in Auschwitz eintätowierten Häftlingsnummer zu sehen war, gelang es Filmemacher Luigi Toscano nach etlichen Recherchen das Geheimnis ihrer Identität zu lüften und sogar noch Verwandte von Anna in der Ukraine ausfindig zu machen. Das erste Wiedersehen mit ihrer Familie erfolgte 2024 über Video. Wegen des Angriffkrieges in der Ukraine. Schon wieder Krieg in Annas Leben.
Diesen Film „Schwarzer Zucker – rotes Blut“ sahen am 19. und 22. Januar die Stufen EF und Q1 des Graf-Adolf-Gymnasiums in der katholischen Kirche in Ibbenbüren.


Nach der Filmvorführung konnten die Schülerinnen und Schüler des GAG Anna selbst in einem Zeitzeugen-Gespräch erleben und von ihren Erlebnissen „live“ erfahren; auch Luigi Toscano war dabei und erläuterte seine Motivation zu dieser aufwendigen Dokumentation. Die Schüler waren beeindruckt von dem Gespräch, berichtet das GAG.

EIN NAHBARER GESCHICHTSUNTERRICHT – SCHÜLERSTIMMEN
– „Als Anna nach vorne kam und angefangen hat zu erzählen, wirkte plötzlich alles viel nahbarer als z.B. im Geschichtsunterricht. Dieser Gedanke „Das ist alles passiert, Anna ist eine von vielen, die es miterlebt hat.“ hat mir nochmal so sehr gezeigt, dass sich diese Ereignisse nie mehr wiederholen dürfen.“
– „Am Film selbst gefiel mir, dass die Erinnerungen von Anna mit Zeichnungen dargestellt wurden, so konnte man sich ein wenig in ihre Gedanken hineinversetzen.“
– „Die Vergangenheit hat starke Auswirkungen auf die Gegenwart, man sollte immer an den Holocaust und an dessen Opfer erinnern und diese nicht vergessen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.“
– „Der Film soll uns zeigen, dass die Opfer des Holocaust viel mehr waren als nur die Nummern, die sie als „neue Namen“ erhielten. Hinter jeder Nummer verbarg sich ein Einzelschicksal … Außerdem stellt der Film einen gewissen Appell dar; denn da es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, ist es nun unsere Aufgabe, anderen Menschen von derartigen Einzelschicksalen zu erzählen, und so zu verhindern, dass diese dunkele Zeit in der Geschichte in Vergessenheit gerät.“
– „Es wurde gesagt, dass wir durch dieses Gespräch auf ganz besondere Weise auch zu Zeitzeugen geworden sind. Wie dieser symbolische Titel aufgefasst und wertgeschätzt wird, bleibt individuell. Aber eines ist sicher, uns wurde etwas Unbezahlbares anvertraut.“

ANNA STRISHKOWA: SCHÜLER BERICHTEN VON IHREM TREFFEN MIT HOLOCAUST-ÜBERLEBENDER IN IBBENBÜREN
Dass während des zweiten Weltkrieges schlimme Dinge passiert sind, war uns Jugendlichen vom Graf-Adolf-Gymnasium allen bewusst. Wir wussten auch, dass vielen Menschen schreckliche Dinge im Konzentrationslager widerfahren sind. Aber so wie in Ibbenbüren über das Thema berichtet wurde, das haben die meisten noch nicht erlebt. Als Anna nach vorne kam und angefangen hat zu erzählen, wirkte plötzlich alles viel nahbarer als z.B. im Geschichtsunterricht. Dieser Gedanke: „Das ist alles passiert, Anna ist eine von vielen, die es miterlebt hat“, hat mir nochmal so sehr gezeigt, dass sich diese Ereignisse nie mehr wiederholen dürfen. Ich fand ihre Erzählungen erschreckend und für mich unvorstellbar. Die eigenen Familienmitglieder erst mit 80 Jahren zu treffen oder die Geschwister zu verlieren, weil sie ermordet wurden, ist grauenvoll. Ich wollte mir kaum vorstellen, wie ich mich fühlen würde. Es ist so wichtig, dass die Zeitzeugen darüber berichten, denn für uns Jugendliche ist diese Zeit sehr lange her, sodass es oft schwierig ist, sich vernünftig vorzustellen, was passiert ist und was nicht mehr passieren darf. Ich fand es sehr berührend und mutig, dass sie sich getraut hat, ihre Geschichte zu erzählen und ihre Gefühle mit uns zu teilen. Viele Dinge wusste ich auch nicht, zum Beispiel die Tätowierungen, die die Menschen im Konzentrationslager bekommen haben oder die Blutabnahmen an den Kindern. Das alles hat mir Angst gemacht, obwohl ich es selbst nicht erlebt habe. Aber das Zuhören hat gereicht um die Schmerzen und die Angst, die Anna damals hatte, verstehen zu können. Am Ende haben wir noch Fotos mit ihr gemacht und persönliche Gespräche mit Anna geführt. Ich habe Sie gefragt, ob sie sich mittlerweile sicher in Deutschland fühlt. Sie hat mit ja, ich fühle mich sicher, geantwortet. Und das hat mich glücklich gemacht. Ich bin froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, das Zeitzeugengespräch hören zu dürfen. Jetzt habe ich die Möglichkeit, anderen Menschen davon zu erzählen, damit die Zeit nicht in Vergessenheit gerät, denn dass, was Anna erlebt hat, soll niemand mehr erleben. Nachdem das Gespräch beendet war, war ich sehr dankbar, dass diese Zeiten vorbei sind. Mir ist viel bewusster geworden, wie privilegiert wir sind, an einem sicheren Ort ohne Krieg und Todesangst zu leben, frei zu sein.
(Helena Thrän, Q1)
Geschichte ist viel mehr als Zahlen und Daten. Dies zeigte das Gespräch mit Zeitzeugin Anna und ihrem Begleiter Luigi sehr eindrücklich.
Nach einem kurzen Einblick in den Film „Schwarzer Zucker, Rotes Blut“ (2025), der Annas Lebensgeschichte erzählt, kam Sie selbst zu Wort: Sie berichtete von ihren Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz. Wie es sich anfühlt, wenn der Name durch eine Nummer ersetzt wird und wie die Trennung von ihren Eltern und Geschwistern im Kindesalter zur Folge hatte, dass Anna weder wusste, woher sie kam noch ob ihre blutsverwandte Familie noch lebte. Sie war alleine.
Nach der Befreiung wurde Anna von einer Adoptivfamilie aufgenommen. Trotz der unvorstellbaren Erlebnisse und ihrer schwierigen Kindheit habe sie ein gutes Leben geführt mit dem sie zufrieden sei. „Das Leben gewinnt immer“.
Mit Luigis Hilfe hat sie nach 80 Jahren Ungewissheit ihre (blutsverwandte) Familie endlich wiedergefunden und konnte ihre Nichten kennenlernen.
Jetzt möchte sie uns, den kommenden Generationen, wertvolle Gedanken schenken.
Das Ziel verfolgend, dass sich ihre Geschichte nicht wiederholt, wünscht sie sich, dass wir unsere Freundschaften pflegen und schützen. Diese Verbindungen halten lebenslang und tragen einen durch schwierige Zeiten. Wir sollen so viel lernen, wie möglich. So wie Kenntnis über die deutsche Sprache einem Mädchen aus dem Konzentrationslager das Leben gerettet hat, so wird Wissen unser Leben auch unerwartet prägen. Anna wünscht sich, dass wir unseren Nachbarn und jeden Menschen, dem wir begegnen, respektvoll behandeln. „Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut, nur menschliches“ (Margot Friedländer). Neben diesem Zitat ist uns auch ein Satz von Luigi im Gedächtnis geblieben:
„Wer die Vergangenheit vergisst, ist verdammt, sie zu wiederholen.“
Erdrückend, wenn die weltpolitische Lage betrachtet wird. Kriege zwischen Menschen fordern täglich menschliches Blut, menschliches Leben. Auf diesen Umstand antwortete Anna etwas Erstaunliches. „Ich verlasse Kiew nicht, ich habe Hitler überlebt, ich überlebe auch Putin“. Unermüdlich kämpft Anna gegen den Krieg und appelliert an uns: „Menschlichkeit gewinnt immer“.
Es wurde gesagt, dass wir durch dieses Gespräch auf ganz besondere Weise auch zu Zeitzeugen geworden sind. Wie dieser symbolische Titel aufgefasst und wertgeschätzt wird, bleibt individuell. Aber eines ist sicher, uns wurde etwas Unbezahlbares anvertraut.
(Leon Spierenburg, Lenja Becker Juna Schefzyk, Q1)




