Wenn am 22. Februar der 275 Meter hohe Kamin des ehemaligen Steinkohlenkraftwerks Ibbenbüren fällt, verschwindet nicht nur Beton aus dem Stadtbild. Es endet ein Kapitel, das Generationen geprägt hat: Wirtschaftlich, landschaftlich, emotional.
Am 11. April 1987 ging das Kraftwerk offiziell ans Netz. Vier Jahre Bauzeit lagen hinter dem Projekt, errichtet von der RWE.
Der sogenannte „Block B“ galt als technisch leistungsfähig, modern für seine Zeit. Ein Symbol für Versorgungssicherheit und industrielle Stärke.
Gemeinsam mit der benachbarten Zeche arbeiteten zeitweise rund 4500 Menschen im direkten Umfeld von Kohle und Kraftwerksbetrieb. Der Schornstein wurde zum Fixpunkt am Horizont. Wer aus Richtung Autobahn kam, wusste: Jetzt ist man zu Hause.
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Erste Risse im System
Spätestens mit dem Ende des Bergbaus 2018 begannen die Diskussionen über die Zukunft des Standorts. Importkohle sollte den Betrieb sichern, doch die energiepolitischen Rahmenbedingungen veränderten sich schneller als erwartet.
2019 blieb das Kraftwerk über Monate still. Offiziell waren es „Marktgründe“ – Strom aus Kohle war schlicht zu teuer geworden. Hohe Windstromanteile drückten konventionelle Kraftwerke zunehmend aus dem Markt.
Ende 2020 dann die Entscheidung: endgültige Abschaltung. Für viele der verbliebenen Beschäftigten ein Schock. Die Anlage war technisch in gutem Zustand, regelmäßig modernisiert, alle vier Jahre umfassend revidiert.
Doch die Wirtschaftlichkeit hat das Kraftwerk geschlagen.
Mit dem Abschalten begann die Phase der Entkernung. Transformator, Generator, Betriebsstoffe – alles wurde Schritt für Schritt entfernt. Ammoniak, Schweröl, Chemikalien, Ersatzbrennstoffe: Bevor abgerissen werden konnte, musste das Kraftwerk „trocken“ und betriebsmittelfrei sein.
2023 übernahm die Unternehmensgruppe Hagedorn das Gelände.
Ziel war nicht nur Abriss, sondern Transformation.
Schadstoffe wurden unter aufwendigen Schutzmaßnahmen entfernt, Material sortiert, recycelt – laut Unternehmen mit einer Quote von rund 97 Prozent.
Im April 2025 folgte die erste große Zäsur: Das Kesselhaus wurde gesprengt, der Kühlturm kontrolliert zu Fall gebracht. Tausende Menschen verfolgten den Moment live vor Ort oder aus der Distanz.
Mit dem Fall des Kamins fällt auch eines der letzten, großen Sichtbaren Wahrzeichen dieser Zeit.
Und dann?
Stillstand wird es auf dem Gelände nicht geben. Perspektivisch soll hier ein Konverter entstehen – ein technisches Herzstück für die Energiewende. Der Netzbetreiber Amprion plant an diesem Standort Infrastruktur, die Strom aus erneuerbaren Quellen ins Netz integriert und transportfähig macht.
Wo früher Kohle verbrannt wurde, könnten künftig Wind- und Solarenergie gebündelt werden. Die Logik des Ortes bleibt: Energie. Nur die Quelle ändert sich.










