103 Kilometer Gemeinschaft – Arche-Wanderer zurück in Tecklenburg (VIDEO)
Es herrscht eine seltsame, fast greifbare Elektrizität in der Luft. Nur noch 400 Meter trennen die Gruppe von ihrem Ziel, dem Arche-Haus in der Apfelallee in Tecklenburg. Doch statt den letzten Sprint anzusetzen, hält die Kolonne inne. Im schützenden Schatten der Bäume sammeln sich 56 Menschen. Sie warten. Keiner soll abgehängt werden, niemand allein ins Ziel gehen.
„Es war eine Spannung zu spüren wie vor einem Auftritt“, wird Elisa diesen Moment später beschreiben.
Es ist das furiose Finale eines siebentägigen Kraftaktes quer durch das Münsterland. Vor ihnen liegt das Ziel der siebten Arche-Wanderung.
Was am 3. Juli im westfälischen Borken mit 14 Wanderern und zwei Hunden begann, wuchs über sieben Tage zu einer rollenden und gehenden Gemeinschaft heran. Es ist eine Gruppe, wie sie bunter kaum sein könnte:
Da sind Bewohnerinnen und Bewohner der Arche-Gemeinschaften aus Landsberg, Ravensburg und Tecklenburg, Assistentinnen aus Paraguay, sogar zwei Schweizer aus Fribourg sind angereist. Am Finaltag wächst die Gruppe noch einmal an – vom Rollstuhlfahrer bis zur über 80-jährigen Seniorin nehmen alle die letzte, 15 Kilometer lange Etappe unter die Füße.
Das Ziel ist sportlich, aber vor allem ist es ein Marathon der Begegnung.
Insgesamt erwandern 78 Personen in dieser Woche stolze 2656,3 Kilometer. Die unangefochtenen Spitzenreiter: Jona und Martin, die jeweils unglaubliche 103 Kilometer zu Fuß zurücklegen.
Der härteste Prüfstein wartet am fünften Tag auf der Etappe von Telgte nach Ostbevern-Brock. 18 Kilometer stehen auf dem Plan – die ohnehin längste Route der Tour. Doch der Weg hält sich nicht an den Plan.
Die erste Barriere: Ein reißender Bach versperrt den Weg. Ein Zaun setzt eine harte Grenze. Thema des Tages: „Leben ist Begegnung – mit Grenzen“. Selten wurde ein theoretisches Motto so schnell physische Realität.
Der Umweg: Nach zehn Kilometern in den Knochen zeigt die Karte nach rechts. Doch der Pfad ist völlig zugewachsen, unpassierbar für die Wanderer und die Rollstühle. Es gibt nur eine Option: Umkehren, den ganzen Weg wieder zurück.
Die Gruppe beißt sich durch. Mittendrin: Sebastian aus der Arche Landsberg. Seine Füße schmerzen unerträglich, jeder Schritt ist eine Überwindung. Warum er trotzdem nicht aufgibt? „Bewegung ist wichtig für die Gesundheit“, sagt er später stolz. Er sammelt Kilometer und Spenden für seine Gemeinschaft.
Da ist Jakob, ein ehrenamtlicher Helfer der Malteser. Er ist von der Idee der Wanderung so begeistert, dass er nach dem Frühstück spontan seinen Hund von zu Hause holt und einfach mitmarschiert.
Da ist der sprachliche Exkurs auf einer gemähten Wiese: Als vier paraguayische Assistentinnen über deutsche Bandwurmwörter rätseln, serviert ihnen Mitwanderer Andreas das Wort „Zungenabkühlungsinstitut“. Die Auflösung folgt erst Kilometer später an der Ladberger Eisdiele – bei zwei echten Kugeln Eis.
Wie tief das Prinzip der Gemeinschaft greift, zeigt sich am dritten Tag in der Dachdeckermeisterschule in Münster. Unter Anleitung von Experten versuchen sich die Wanderer am Bau einer „Leonardo-Brücke“ – einer Konstruktion, die sich ohne Schrauben, Nägel oder Klebstoff allein durch das perfekte Ineinandergreifen ihrer Teile selbst trägt.
ANKUNFT – GESCHAFFT
Als die 56 Wandernden schließlich die Apfelallee erreichen, bricht der Jubel los. Musik schallt durch die Straße, bunte Fähnchen wehen, Menschen rufen Glückwünsche. Schirmherr André Ost verteilt später die Zertifikate.
Astrid, eine der Teilnehmerinnen, sagt:
„Es ist ein bewegender Moment, nach sieben Tagen am Ziel zu sein. Gleichzeitig ist es seltsam, morgen nicht mehr aufbrechen und loswandern zu müssen.“
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