Prävention im Kirchenkreis Tecklenburg: Wie man mit sexuelle Gewalt vorgehen
Die Initiative „hinschauen – helfen – handeln“, entwickelt von der EKD und dem Bundesverband der Diakonie, bietet unter anderem die Ausbildung zum Multiplikator im Themenbereich sexualisierte Gewalt an.
Kürzlich absolvierten Michelle Witte und Mirco Frerichs diese Ausbildung, wie der Kirchenkreis in einer Mitteilung schreibt. Sie sind die ersten Multiplikatoren in der Jugendarbeit des Kirchenkreises Tecklenburg und unterstützen Ingrid Klammann, Multiplikatorin in den Kirchenkreisen Münster und Tecklenburg, bei den Präventionsschulungen in den Gemeinden, heißt es weiter.

MOTIVATION FÜR DIE FORTBILDUNG: WARUM DIESER SCHRITT SO WICHTIG IST
Was war für Sie ausschlaggebend für die Teilnahme an der Fortbildung?
Mirco Frerichs: In der Multiplikatoren-Qualifizierung spielte das Thema Geschlechter-Identität eine große Rolle. Für mich ist dieses Thema als Referendar und zukünftiger Lehrer wichtig und relevant. Jetzt habe ich das Gefühl, mich auszukennen und im persönlichen und beruflichen Kontext sprachfähig zu sein.
Michelle und ich sind beide in der evangelischen Jugendarbeit groß geworden. Jetzt sind wir nicht mehr an der Basis dabei, aber können so weiterhin dafür sorgen, dass das System noch besser als vorher weitergehen kann. Jugendarbeit sollte ein sicherer Ort für alle Menschen sein. Die Jugendmitarbeitenden brauchen diesen Mehrwert.
Michelle Witte: Mich hat das Interesse an der Verpackung der Themen gereizt. In der Ev. Kirche arbeiten viele Ehrenamtliche. Mich hat interessiert, was man methodisch „raushauen“ kann. Jugendliche sollten nicht erschlagen werden von den Zahlen, Daten und Fakten.
HINTERGRUND
Die im Januar 2024 veröffentlichte ForuM-Studie untersuchte Fälle im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie im Zeitraum von 1946 bis 2020:
- Erfasste Betroffene: Mindestens 2.225 Betroffene konnten aus den Akten (vorrangig Disziplinarakten) direkt identifiziert werden.
- Erfasste Beschuldigte: Es wurden 1.259 Beschuldigte ermittelt.
- Dunkelfeld & Hochrechnung: Die Forschenden betonten, dass diese Zahlen nur die „Spitze des Eisbergs“ darstellen. Auf Basis ergänzender Hochrechnungen gaben die Wissenschaftler an, dass von weit über 9.000 Betroffenen und etwa 3.500 Beschuldigten auszugehen ist.
Was hat Ihnen in der Ausbildung besonders gut gefallen?
Witte: Ich fand es mit am schönsten, zu sehen, wie viele Leute sich für das Thema interessieren und es groß machen wollen. Das Thema wurde greifbar. Es gab gute Beispiele zur Sensibilisierung. Wir arbeiteten mit Filmen und verschiedenen Methoden und haben viel in Kleingruppen erarbeitet.
Frerichs: Mir hat die hohe fachliche Kompetenz der Ausbilder gut gefallen. Es gab keine Frage, die sie nicht beantworten konnten. Ich habe mich gut mitgenommen gefühlt.
KERNBOTSCHAFTEN UND PRÄVENTION: MACHTSTRUKTUREN UND GRENZEN ERKENNEN
Welche Inhalte sind Ihnen wichtig geworden?
Frerichs: Prävention setzt nicht erst beim ersten Verdachtsfall ein. Das Thema sollte schon vorher im System eingebunden sein. Es ist ein Qualitätsmerkmal einer Institution, wenn der Arbeitgeber/die Arbeitgeberin sagt: „Uns ist es wichtig, dass auf Prävention geachtet wird.“ Das sollte im Unterbewusstsein der Beteiligten verankert sein. So kann die Zukunft besser gemacht werden. Darüber hinaus wurde ich durch die Ausbildung darin sensibilisiert, zu erkennen, in welchen Zusammenhängen Macht eine Rolle spielt.
Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, über wen sie bzw. wer über sie Macht hat, da es häufig unausgesprochen bleibt. Dabei sollte klar sein, dass mit einer Machtposition auch eine Verantwortung einhergeht.
Witte: Mir ist noch mehr klar geworden, dass Kirche früh hinschauen möchte und sehr klar die ersten Ansätze von sexuellen Grenzverletzungen ernst nimmt. Das Motto „hinschauen – helfen – handeln“ ist treffend. Du sollst handeln und handlungsfähig werden.
PRÄVENTION IM ALLTAG
Was meinen Sie, in welchen Bereichen hilft Ihnen diese Fortbildung im Alltag?
Witte: Die Sprachfähigkeit. Ich hinterfrage Situationen im Alltag viel mehr. Auch wenn etwas für mich in Ordnung ist, was wäre, wenn eine andere Person das nicht so empfindet? Könnte ich die Person darin unterstützen und mit ihr nach alternativen Lösungen suchen?
Das Motto sollte sein: Nachdenken und nicht verbieten, Dinge hinterfragen, wie können alle gut damit leben? Mir ist es ein Anliegen, andere dazu zu empowern, dass sie selbst sagen, wie mit ihnen umgegangen werden sollte.
Frerichs: Für mich ist es wichtig, eine klare Haltung beziehen zu können, wenn sexualisierte Gewalt passiert oder einfach als Lappalie abgetan wird. Es geht darum, dies als Grenzverletzung der Person gegenüber wahrzunehmen, für die Betroffenen da zu sein und eine klare Haltung im Alltag zu zeigen. Durch die Qualifizierung fühle ich mich darin gestärkt.






